Heparin-induzierte Thrombozytopenie: von der bakteriellen Abwehr zu einem neuen Mechanismus der Autoimmunität.
Zusammenfassung
Die Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT) ist eine unerwünschte Arzneimittelwirkung, bei der das endogene Chemokin Plättchenfaktor 4 (PF4) an Polyanionen bindet, dabei seine Konformation verändert und eine Immunreaktion auslöst. Die Immunreaktion gegen PF4/Polyanionen-Komplexe führt zu einem ganzen Spektrum von Antikörpern mit unterschiedlicher biologischer Relevanz. Die meisten Antikörper lassen sich in einem Enzym Immunoassay nachweisen, führen aber weder zur Thrombozytenaktivierung noch zu klinischen Problemen. Eine deutlich seltener auftretende Subgruppe dieser Antikörper aktiviert Thrombozyten und kann klinisch die vermehrte Produktion von Thrombin induzieren über eine Aktivierung von Thrombozyten, Monozyten und Endothelzellen. Noch viel seltener sind Anti-PF4/Polyanionen-Antikörper, die als Autoantikörper auftreten und ohne Zugabe von Heparin oder anderen Polyanionen schwere klinische Komplikationen auslösen können. Der vorliegende Beitrag fasst die immunologischen und biophysikalischen Experimente zusammen, mit denen die molekularen Mechanismen aufgeklärt wurden, wie es dazu kommen kann, dass ein endogenes (körpereigenes) Protein Antikörper induziert und welche Charakteristika diese Antikörper haben, wenn sie zu einer Autoimmunerkrankung führen. Es ist wahrscheinlich, dass ähnliche Mechanismen auch für Autoimmunreaktionen gegen andere Proteine des Körpers verantwortlich sind.
Heparin-induced thrombocytopenia (aHIT) is an adverse drug effect. The endogenous chemokine platelet factor 4 (PF4) binds to polyanions. Hereby PF4 is changing its confirmation and triggers an immune reaction. The immune reaction against PF4/polyanion complexes results in a large spectrum of antibodies with variable biological relevance. Most of these antibodies are reactive in enzyme immunoassays but do not cause platelet activation and no clinical complications. About 20 to 50 % of these antibodies activate platelets in vitro in the presence of heparin. In vivo, these antibodies together with heparin cause activation of platelets, monocytes and endothelial cells. This results in increased generation of thrombin and an increased risk for thrombotic complications. Much rarer are anti-PF4/polyanion antibodies, which react as autoantibodies and activate platelets and induce thrombotic complications without addition of heparin or other polyanions. They are causing autoimmune HIT. This review summarizes the immunological and biophysical experiments used to unravel the molecular mechanisms of autoimmune HIT. It shows how an endogenous (body’s own) protein can induce antibodies and describes the characteristics of these antibodies required for induction of an autoimmune disease. It is highly likely that similar mechanisms are also responsible for other antibody mediated autoimmune diseases.
Doc Esser und Katharina
Cartoon: Der kleine Hämotherapeut
Editorial
Blut und Bomben - die Blutversorgung bei Großschadensereignissen aus der Sicht eines Blutspendedienstes
Zusammenfassung
Die sichere Versorgung mit Blut bei Großschadensereignissen stellt große Herausforderungen an die versorgenden Blutspendedienste. Im Folgenden werden zu erwartende Bedarfe, aber auch die Voraussetzungen für die gesicherte Versorgung und Verteilung dargestellt. Eine sichere Versorgung ist in Deutschland möglich. Sie ist aber nur dann zu gewährleisten, wenn unabhängig von aktuellen Ereignissen stets eine ausreichende Zahl von Blutspendern zur Blutspende kommt, die es den Blutspendediensten ermöglicht, einen Vorrat von ca. drei Tagesbedarfen sicher zu stellen. Darüber hinaus ist zur Sicherstellung der Versorgung im Krisenfall eine stärkere Einbindung der Blutspendedienste in die Strukturen der Krisenkommunikation und Organisation anzustreben.
A save and adequate blood component supply is essential to treat casualties in mass casualty events and at the same time it is a great challenge for blood donation services. We analysed the anticipated demand of blood components from the literature as well as the requirements for ensuring adequate stock levels of blood components and distribution logistics. Save and adequate stock levels of blood components can only be guaranteed with steady blood donations from committed volunteer donors and an organisation that ensures stock levels sufficient for three days. Furthermore, a stronger integration of blood donation services into the regional disaster planning and organisation is required.
Transfusionsmedizin in der Mongolei und Handlungsbedarf hinsichtlich der Forschung
Hepatitis-E-Virus: Anstehende Konsequenzen für die Transfusionsmedizin
Zusammenfassung
Das Hepatitis-E-Virus rückt wegen der aktuellen Diskussionen um die Einführung eines generellen Screenings für Blut und Blutprodukte in den Fokus der Fachgesellschaften. Grund dafür ist die Fähigkeit des Virus, im immungeschwächten Körper eine chronische Infektion zu etablieren. Neben dem Hauptübertragungsweg (fäkal-oral) ist auch eine parenterale Transmission, z. B. über Blut und Blutprodukte, möglich. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat aus den Hämovigilanzdaten Fälle von transfusionsbedingten HEV-Infektionen ermitteln können. Zur Verringerung des Risikos einer HEV-Übertragung durch Blutprodukte eröffnete das PEI einen Stufenplan, der nach einem intensiven Informationsaustausch und Anhörung mit den pharmazeutischen Unternehmern in einer Anordnung zum verpflichtenden Screening der Blut- und Stammzellspenden auf HEV-RNA umgesetzt wird.
Störung der blutgruppenserologischen Untersuchungen durch therapeutische monoklonale Antikörper
Zusammenfassung
Krankheiten und Medikamente verursachten bislang in Einzelfällen Störungen der blutgruppenserologischen Untersuchungen. Zwei der neuen therapeutischen monoklonalen Antikörper sind gegen Antigene gerichtet, die sich auch auf Erythrozyten befinden, und erschweren die Untersuchungen nun bei jedem der damit behandelten Patienten. Daratumumab (Anti-CD38) ist zur Therapie des Multiplen Myeloms zugelassen und wird breit angewendet, für Hu5F9-G4 (Anti-CD47) werden Studien in den USA und in Großbritannien durchgeführt. Daratumumab macht den Antikörpersuchtest und Verträglichkeitsproben im indirekten Antiglobulin-Test reaktiv und kann dadurch antierythrozytäre Antikörper verdecken. Der Artikel beschreibt die Möglichkeiten, trotz dieser Störung die serologische Verträglichkeit von Erythrozytenkonzentraten zu gewährleisten.
Illness and medication may interfere with blood group serology. Two of the new therapeutic monoclonal antibodies are directed against antigens which are also expressed by red blood cells and interfere with the diagnostic procedures in the immunohaematology laboratory. Daratumumab (anti-CD38) has approval for therapy of multiple myeloma, Hu5F9-G4 (anti-CD47) currently is tested in the United States and in Great Britain. Daratumumab interferes with the indirect antiglobulin test and may hide allo-reactive red cell antibodies. This article reviews the various methods to mitigate this interference.